Radwege Hamburg: Wie fahrradfreundlich ist Hamburg wirklich?
- J.Jung

- vor 12 Minuten
- 5 Min. Lesezeit
Ein persönlicher Blick aus 45 Jahren auf dem Sattel

Seitdem ich geführte Fahrradtouren durch Hamburg anbiete, höre ich diese Frage bei Anfragen immer häufiger: „Kann man in Hamburg eigentlich gut Radfahren?" Oft kommt diese Frage von Gästen, die vom Land kommen und mit dem Stadtverkehr nicht so vertraut sind. Die Sorge ist verständlich: Fahren wir mitten im dichten Autoverkehr? Oder gibt es sichere Alternativen?
Hier kann ich sofort beruhigen: Auf unseren Touren bewegen wir uns fast ausschließlich auf ausgesuchten Wegen und sichere Radwege in Hamburg. Doch wie sieht die Realität für alle anderen Radfahrer in der Stadt aus? Ist Hamburg auf dem Weg zur „Fahrradstadt" wie Kopenhagen, oder hinkt es noch hinterher? In diesem Beitrag nehme ich Dich mit auf eine Reise durch das Hamburger Rad Netz – von historischen Anfängen bis zu den neuesten Entwicklungen im Mai 2026.
Hamburgs Radwege im Wandel – mein persönlicher Eindruck
Das Fahrradfahren gehört seit gut 45 Jahren zu meinem Leben. Ich habe die Liebe zum Rad entdeckt und lege den Großteil meiner Wege in Hamburg auf zwei Rädern zurück. Wer mich früher kannte, weiß: Damals waren die Radwege oft zu schmal, holprig und die öffentliche Wahrnehmung des Radverkehrs war eine ganz andere.
Ein Wendepunkt war die Verabschiedung der „Radverkehrsstrategie für Hamburg" im Jahr 2007 und ihre offizielle Beschlussfassung durch den Senat im Januar 2008. Seitdem bildet diese Strategie das systematische Fundament für den Ausbau des Radverkehrssystems. Ergänzt wird dies durch das seit 2016 aktive „Bündnis für den Radverkehr". Das Ziel ist klar: Förderung des Radverkehrs und Erhöhung des Anteils am Gesamtverkehr.
Obwohl Hamburg in den Anfangsjahren oft als Vorbild für eine „Fahrradstadt" genannt wurde, bin ich ehrlich: Wir sind noch lange keine Fahrradstadt. Besonders in einigen Stadtteilen gibt es weiterhin Verbesserungspotenzial. Doch für meine geführten Touren ist das weniger relevant, da wir Routen wählen, die bereits jetzt hervorragend befahrbar sind. Viele Gäste bestätigen nach einer Tour ihr positives Erstaunen darüber, wie gut man sich in Hamburg mit Fahrrad fahren kann.
Das Hamburger Radnetz im Überblick:
Mehr als nur ein Radweg
Um den Überblick zu behalten, ist es wichtig zu verstehen, dass nicht jeder Radweg gleich ist. Das Hamburger Netz ist differenziert aufgebaut und bietet für jede Art von Fahrt eine passende Lösung.
Radrouten: Das Hauptnetz für Pendler und Touristen
Die Radrouten bilden das Rückgrat des Radverkehrs. Sie verbinden wichtige Ziele auf weitestgehend verkehrsarmen Strecken. Aktuell führen 23 übergeordnete Radrouten durch die Stadt. Diese Wege sind besonders attraktiv, sicher und verfügen oft über durchgängig gute Infrastruktur. Sie sind ideal für den täglichen Weg von A nach B.
Radrouten Plus: Die schnellen Verbindungen ins Umland
Für diejenigen, die längere Strecken zurücklegen oder aus dem Umland kommen, gibt es die neun Radrouten Plus (auch Radschnellwege genannt). Sieben dieser Korridore führen direkt in die Innenstadt und orientieren sich an den Hauptpendlerströmen.
Was macht sie besonders?
Mehr Komfort: Man kann auch zu zweit nebeneinander fahren und sicher überholen.
Mehr Sicherheit: Deutlich weniger Konflikte mit dem Kfz-Verkehr.
Mehr Fahrvergnügen: Jeder fährt im eigenen Tempo.
Effizienz: Bequeme Bewältigung auch längerer Distanzen.
Radwanderwege: Für Entdecker und Naturliebhaber
Hamburg ist nicht nur eine Stadt, sondern auch ein Tor zu Natur und Kultur.
Radfernwege: Durch Hamburg verlaufen mehrere nationale und europäische Routen. Der Elberadweg ist dabei seit Jahren einer der beliebtesten und bietet mit unzähligen Sehenswürdigkeiten ideale Voraussetzungen für mehrtägige Aufenthalte.
Radfreizeitwege: Am Wochenende die Seele baumeln lassen?
Mit 14 Radfreizeitwegen führt das Netz durch Parks, Grünanlagen, Wälder und entlang von Gewässern. In Zukunft sollen viele dieser Wege Teil des offiziellen Radnetzes werden und eine einheitliche Wegweisung erhalten.
Arten von Radinfrastruktur: Was bedeutet welcher Begriff?
Neben den großen Routen finden Sie im Stadtbild verschiedene Formen der Infrastruktur. Hier eine kurze Erklärung, worauf Sie achten sollten:
Fahrradstraßen: Diese Straßen sind als „Sonderweg für Radverkehr" ausgewiesen. Autos dürfen sie nur bei entsprechender Beschilderung (z. B. für Anwohner oder Lieferverkehr) befahren. Radfahrer dürfen hier nebeneinander fahren, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 30 km/h. In Hamburg gibt es bereits über 50 solcher Straßen (z. B. Thaden- und Chemnitzstraße oder Teile der Alster-Fahrradachsen).
Protected Bikelanes: Geschützte Radfahrstreifen, die durch bauliche Barrieren vom Autoverkehr getrennt sind. Sie verhindern, dass Autos in den Radweg hineinragen oder ihn zuparken. Diese finden Sie vor allem auf Hauptverkehrsstraßen.
Pop-Up-Bikelanes: Kurzfristig eingerichtete Streifen, oft als Ad-hoc-Maßnahme an Stellen, die bisher keine ausreichende Infrastruktur hatten, aber wichtige Verbindungen darstellen.
Radfahr- und Schutzstreifen: Diese sind durch Piktogramme gekennzeichnet. Radfahrstreifen sind durch eine durchgezogene Linie getrennt, während Schutzstreifen (gestrichelte Linie) bei Bedarf von breiten Fahrzeugen wie Bussen überfahren werden dürfen.
Beispiel Harvestehuder Weg – eine der wichtigsten Fahrradachsen
Ein gutes Beispiel für die Entwicklung und die Herausforderungen des Radverkehrs ist der Harvestehuder Weg. Im Dezember 2014 wurde er als Pilotstrecke der Alster-Fahrradachsen zur Fahrradstraße umgewidmet.
Die Einführung war nicht unumstritten. Kritiker monierten schnell, dass trotz der Widmung zu viele Autos die Strecke nutzten, oft schneller als die erlaubten 30 km/h. Die Mischung aus schnellem Autoverkehr und Radfahrern auf einer engen Strecke führte zu gefährlichen Situationen. Manche sprachen sogar von einem „krachend gescheiterten" Projekt und forderten den Rückbau.
Als Reaktion auf diese Kritik und Untersuchungen der Verkehrsbehörde wurden jedoch Anpassungen vorgenommen: Die Parkplatzsituation wurde umgestaltet und die Durchsetzung der Regeln verstärkt. Heute ist der Harvestehuder Weg eine sehr komfortable Radverbindung. Dennoch erfordert die hohe Nutzungsdichte durch Radfahrer, Fußgänger und Anlieger ein aufmerksames Miteinander. Die Wege entlang der Außenalster gehören weiterhin zu den schönsten und wichtigsten Zulaufstrecken in die Innenstadt.
Der Alte Elbtunnel – jetzt noch fahrradfreundlicher

Eine besonders schöne Überraschung gab es am Montag, dem 4. Mai 2026. Der historische Alte Elbtunnel an den St. Pauli-Landungsbrücken, der nach jahrelanger Sanierung endlich fertiggestellt wurde, hat seine Weströhre offiziell wiedereröffnet.
Für meine Hafen-Touren bedeutet dies eine enorme Entspannung.
In der Vergangenheit kam es im Tunnel gelegentlich zu Konflikten zwischen Radfahrern und Fußgängern. Das soll sich nun ändern:
Oströhre: Wird zur „Pendlerröhre". Hier fahren Radfahrer zügig von einer Elbseite zur anderen.
Weströhre: Ist nun exklusiv für Fußgänger reserviert. Perfekt für Touristen, die das Hamburger Wahrzeichen in Ruhe besichtigen und Fotos machen möchten.
Jedes Jahr passieren rund eine Million Menschen zu Fuß und 300.000 Radfahrer diesen Tunnel. Seit Jahren sind Autos verboten. Eröffnet 1911 als technisches Meisterwerk, bleibt der Alte Elbtunnel ein Magnet für Besucher. Auf meinen Touren erfahren Sie viele spannende Details dazu – und können die Fahrt nun noch entspannter genießen.
Fazit – Hamburg ist besser zum Radfahren als sein Ruf
Es ist nicht alles Gold, was glänzt, aber die Entwicklung in den letzten Jahren ist sichtbar und positiv. Hamburg hat sich von einer Stadt mit holprigen Wegen zu einem Ort entwickelt, der zunehmend sichere und komfortable Routen bietet. Auch wenn wir noch nicht ganz Kopenhagen erreicht haben, ist das Angebot für Radfahrer und Touristen nicht so schlecht.
Für meine Gäste gilt: Keine Sorge vor dem Autoverkehr. Wir nutzen das beste, was die Stadt zu bieten hat. Und für alle, die selbst auf Tour gehen wollen: Mit dem richtigen Wissen über das Netz und den neuen Regeln ist Hamburg ein wunderbares Revier für das Zweirad.
Quellen:
Der Autor:

Wer steht hinter fahrradtour.hamburg?
Hamburg ist mehr als nur mein Geburtsort (1958); es ist meine Heimat, meine Inspirationsquelle und mein Arbeitsfeld. Als einer der ersten Fahrer des Hamburger Fahrradtaxis (ab 2003) habe ich sieben Jahre lang Tausende von Kilometern durch die Stadt zurückgelegt und dabei gelernt, was Hamburg wirklich ausmacht: seine Ecken, seine Geschichten und seine ständige Wandlung.
Heute bin ich Stadtführer und Touristiker, der die Stadtentwicklung genau beobachtet. Auf meinen organisierten Fahrradtouren nehme ich dich mit auf eine Reise, die über das Offensichtliche hinausgeht. Unterstützt wird mein Blick für Details durch meine wiedergefundene Liebe zur Fotografie. Hier auf dem Blog verbinde ich mein lokales Wissen mit visuellen Eindrücken, um dir Hamburg neu zu zeigen.
Jörn Jung




















Kommentare