Oberhafen‑Kantine Hamburg: Ein schiefes Wahrzeichen voller Geschichte, Charme und norddeutscher Eigenart
- Jörn Jung

- vor 14 Minuten
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Ein Ort, der Hamburgs Seele in jedem Backstein trägt
Die Oberhafen‑Kantine ist einer dieser Orte, die man nicht einfach besucht, sondern erlebt. Zwischen HafenCity, Oberhafenquartier und den alten Gleisanlagen steht dieses kleine, schiefe Backsteinhaus, das seit 1925 Wind, Wasser und Sturmfluten trotzt.
Schon beim Näherkommen merkt man: Hier ist nichts gerade – außer der norddeutsche Humor. Das Haus lehnt sich sichtbar nach vorn, als wolle es einem direkt entgegenkommen. Und wer einmal drin sitzt, versteht sofort, warum die Oberhafen‑Kantine zu den charmantesten und eigenwilligsten Orten der Stadt gehört.

Die Anfänge – ein Haus mit Hafenblut in den Adern
Erbaut wurde die Oberhafen‑Kantine 1925 vom Kantinenwirt Hermann Sparr. Die Pläne lieferte der Architekt Willy Wegner, der im selben Jahr auch am berühmten Chilehaus arbeitete.
Damals wurden Millionen von Ziegelsteinen für das Chilehaus über den Oberhafen angeliefert. Und wie es in Hamburg so läuft, erzählt man sich bis heute, dass einige dieser Steine ihren Weg in Sparrs neue Kantine fanden – angeblich im Tausch gegen die eine oder andere Kanne Bier.
Ein schöner Gedanke: Die Oberhafen‑Kantine als kleine Schwester des Chilehauses, nur eben deutlich schiefer.
Sturmfluten, Schräglage und die beinahe letzte Stunde

Den Krieg überstand die Kantine unbeschadet. Doch Sturmfluten und Unterspülungen setzten dem Gebäude über Jahrzehnte zu. Das ständige Auf und Ab der Gezeiten ließ die Seite absacken, die nicht auf der Kaimauer stand.
So neigt sich das Haus heute um rund acht Grad nach vorn. Beim Betreten hat man das Gefühl, die Kantine begrüßt einen persönlich.
1997 wurde es ernst: Wegen akuter Einsturzgefahr schloss das Ordnungsamt die Oberhafen‑Kantine – nur wenige Wochen nach dem Tod der legendären Wirtin Anita. Viele glaubten, dass dies das Ende sei.
Rettung in letzter Minute – Denkmalschutz und Sanierung
Im Jahr 2000 stellte die Stadt Hamburg das Gebäude überraschend unter Denkmalschutz. Zwei Jahre später kaufte der Hamburger Klausmartin Kretschmer das marode, aber wertvolle Häuschen.
Kretschmer hatte schon immer ein Faible für ungewöhnliche Immobilien. 2005 begann die aufwendige Sanierung – mit dem Ziel, alles wieder so herzustellen, wie es einmal war.
Der Schankraum sieht heute tatsächlich so aus, als könnte Anita jeden Moment um die Ecke biegen. Selbst der fußkurbelbetriebene Speisenaufzug funktioniert wieder – eine echte Rarität.
Wiedereröffnung, Rückschläge und die besondere Lage

Im April 2006 öffnete die Oberhafen‑Kantine nach neun Jahren Pause wieder. Doch die Lage direkt auf der Kaimauer bleibt eine Herausforderung.
2007 lief bei einer Sturmflut die Küche voll Wasser. 2014 stand das Elbwasser durch Orkan „Xaver“ wieder bis zu den Fensterbänken.
Wie ein Betreiber einmal sagte:
„In der Oberhafen‑Kantine gehört mehr dazu, als nur Zutaten zu bestellen und gut zu kochen.“
Man muss auch wissen, wie man eine Küche rechtzeitig in Sicherheit bringt.
Oberhafen-Kantine Hamburg: Der Innenraum – schief, charmant und voller Geschichten
Meine Fotos zeigen es wunderbar: Die Lampen wirken auf den ersten Blick genauso schief wie das Haus selbst. In Wahrheit hängen sie im Lot – nur das Gebäude ist schief. Ein optischer Trick, der sofort ein Lächeln hervorruft.
Ein Getränk ohne Bierdeckel auf dem Tisch? Keine gute Idee. Das Glas macht sich sonst langsam, aber bestimmt auf den Weg Richtung Fenster.
Und eine Suppe? Sagen wir so: Man sollte sie schnell essen.
Der Innenraum ist eng, warm und voller Erinnerungen. Holz, Klinker, alte Fliesen – und überall kleine Spuren der Jahrzehnte. Ein Ort, der Geschichten erzählt, ohne ein Wort zu sagen.
Speisen – norddeutsche Klassiker mit Charakter
Die Oberhafen‑Kantine steht für ehrliche, handgemachte Küche. Kartoffeln werden noch von Hand geschält, Frikadellen frisch geknetet.
Typische Gerichte:
• Frikadellen mit Kartoffelsalat
• Labskaus
• Oberhafen‑Abendbrot
• Saisonale Tagesgerichte
Hamburger Rundstück warm – die Großmutter aller Hamburger
Das Rundstück warm ist ein echtes Stück Hamburger Esskultur. Entstanden aus Resten des Sonntagsbratens, wurde es um 1900 zu einem beliebten Imbiss: ein Brötchen, warmes Fleisch, dunkle Bratensoße – fertig.
Ob es von einer sparsamen Hausfrau erfunden wurde oder vom Wirt Heinrich Heckel an der Reeperbahn, darüber streiten die Quellen. Sicher ist:
Das Rundstück warm ist eine köstliche Hamburgensie und stand angeblich Pate für den modernen Hamburger.
Tipps für deinen Besuch
• Früh kommen – besonders am Wochenende.
• Kamera mitnehmen – die Schräglage ist ein Traum für Fotomotive.
• Spaziergang durchs Oberhafenquartier einplanen.
• Bei Gruppen reservieren.
• Zeit mitbringen – dieser Ort entfaltet sich am besten in Ruhe.

Adresse & Öffnungszeiten
Oberhafen‑Kantine Hamburg
Stockmeyerstraße 39
20457 Hamburg
Öffnungszeiten:
• Mittwoch–Samstag: 12:00–22:00 Uhr
• Sonntag: 12:00–17:30 Uhr
Die Lage im Oberhafenquartier macht den Besuch besonders reizvoll. Zwischen alten Lagerhallen, Ateliers und Kreativräumen spürt man den Wandel der Stadt – und gleichzeitig die Nähe zur historischen Hafenwelt.
Die Oberhafen‑Kantine Berlin – ein Kunstwerk von Thorsten Passfeld
Auch in Berlin gibt es eine Oberhafen‑Kantine – allerdings als kunstvolle Holznachbildung.
Der Hamburger Künstler Thorsten Passfeld baut seit Jahren Fantasiehäuser aus Abrissholz. Für die Oberhafen‑Kantine wagte er erstmals den Nachbau eines realen Gebäudes. Über Monate arbeitete er allein an der hölzernen Replik, die später per Schiff nach Berlin gebracht wurde.
Am Hamburger Bahnhof in Berlin wirkt sie wie ein bewusst gesetzter Fremdkörper: eine schiefe, rustikale Bude auf einem offenen Platz, umgeben von moderner Architektur.
Passfeld beschreibt seine Arbeit mit trockenem Humor:
„In Hamburg war es Kunst. Hier ist es Veranstaltungsbau.“
Die Berliner Kantine wird bis Herbst als Kunstobjekt im Stadtraum stehen und gelegentlich kulturell bespielt.
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